Estanzuela, Areguá 2008

Was Asunción charakterisiert ist vor allem eines: die Hitze.
Im Sommer schleicht sie sich auf der Suche nach neuen Opfern um die Häuser der Bewohner der Stadt, schnappt sich jeden, den sie kriegen kann und drückt ihn nieder, bis er letztendlich unter der lethargischen Sonne und den sich schwerfällig dahinziehenden Tagen keine Wahl hat als nachzugeben und verzweifelt auf bessere Tage, vielleicht mit etwas Regen zu hoffen.

Ich erinnere mich daran, als sei es gestern gewesen: Die Stimmung in Asunción schien den absoluten Tiefpunkt zu erreichen. Der Wetterbericht kündigte den Hochsommer mit 45° C an. Und keiner wusste noch so recht, wieviel mehr man noch aus einem alten, ramponierten Ventilator herausholen konnte, der nicht einmal im angeblichen Winter ausreichend kühlte.
Wie sollten die Asuncenos der unteren Schicht die knapp fünfzehn bis dreißig Minuten Fußweg oder längere Busfahrten zur Arbeit, zur Schule… ohne jeglichen Schutz gegen die versengende Sonne, die bereits um sechs Uhr morgens hoch am Himmel stand und alle auszulachen schien, überstehen?

Das tägliche Brot verdienen gehen war nicht immer leicht. Und dabei so zu tun, als wäre die Welt heil manchmal umso schwieriger.
Alles was man wusste war, dass es warm war. Zu warm. Die Hitze schien alles Denken in der Stadt plötzlich zu verlangsamen. Die Polizisten leiteten den Verkehr ins Chaos, Straßenverkäufer rannten bei rot über die Ampel,  Autos fuhren auf Einbahnstraßen in die falsche Richtung – kurz gesagt: Alles schien an solchen Tagen, wenn man bereits voller Angst mit auch nur einem Fuß die Obhut des Schattens verließ und die Hitze einem entgegenschlug wie eine unsichtbare Mauer, entsetzlich falsch zu laufen.

Und es gab nichts, was die Laune der Menschen hätte aufbessern können. Die Rosen im Garten hingen lahm, kein Windhauch fegte über die Landschaft. Der Rasen begann zu trocknen und man lauscht zu Hause angespannt den Berichten über Menschen und Tieren, die einen qualvollen Tod aufgrund eines Hitzeschlags im Gran Chaco, der „grünen Hölle“ erlitten, während das Klima vor der Haustür von Minute zu Minute unerträglicher zu werden schien […]
Doch, wie alles, hat auch die schrecklichste Hitzewelle in Südamerika ein Ende. Völlig unerwartet verfinstert sich der Himmel. Die Vorboten der Erleichterung, die ersten Regentropfen fallen vom Himmel auf die raue Erde hinab, um den verdorrten Blumen und Gräsern erneut Leben zu schenken.
Die Last weicht von der Landschaft und an ihre Stelle tritt der lang ersehnte Frieden. Alles erscheint von nun an erträglicher, sobald der Regen losplatzt, alles um uns herum verstummt, wir nichts mehr zu sagen brauchen, das Wort an den Regen abgeben […]

Die Tropfen besänftigten das Land und die angeschlagenen Gemüter. Und ich wusste: ich liebte diesen Klang, den Klang der Regentropfen, innig. Wie sie auf das angejahrte Holz des Daches prasselten, von den Fenstern erst flink, dann gemächlich hinunterliefen, als veranstalteten sie ein kleines Rennen – und schließlich verannen.
Die Regentropfen waren Musik in meinen Ohren. Sie waren die Melodie meiner ersten Heimat, Paraguay.

Advertisements